Was ich noch nicht von dir weiß
Wir reden miteinander – und wissen manchmal gar nicht, was wir dabei voneinander nicht erfahren.
Ein Gespräch kann ganz selbstverständlich verlaufen. Einer erzählt, der andere hört zu, fragt nach, antwortet. Und trotzdem bleibt etwas Wesentliches unausgesprochen. Vielleicht bemerken es beide nicht. Vielleicht geht einer mit dem Gefühl, viel gesagt zu haben und mit seinem eigentlichen Anliegen doch nicht angekommen zu sein. Dabei war es ihm womöglich selbst noch nicht ganz klar. Manches bekommt erst Konturen, während wir versuchen, es jemandem zu erzählen.
Mich beschäftigt, dass ich von dieser Lücke nichts mitbekommen muss. Ich kann aufmerksam sein und trotzdem zu früh glauben, verstanden zu haben. Deine Worte passen zu dem, was ich von dir kenne. Ich kann sie einordnen. Für mich scheint es keinen Anlass zu geben, noch einmal genauer hinzuhören.
Besonders leicht passiert mir das, wenn ich deine Position kenne. Dann höre ich womöglich vor allem, was mein Bild bestätigt. Du sagst etwas, und ich weiß schon, wofür du stehst. Was dich daran bewegt, wie du dorthin gekommen bist oder worüber du selbst unsicher bist, erfahre ich dabei nicht unbedingt. Meine Antwort steht vielleicht schon fest, während du noch sprichst.
Und doch interessiert mich gerade das, was ich noch nicht von dir weiß. Nur ist mir nicht jede Entdeckung willkommen. Deine Worte können mein Urteil infrage stellen. Dann möchte ich vielleicht lieber erklären, weshalb ich dich bisher so gesehen habe, als mehr darüber zu erfahren, was nicht in dieses Bild passt. Ich will dir zuhören und bin zugleich damit beschäftigt, meine Sicht zu verteidigen.
Ein Zögern fällt mir auf. Etwas berührt mich oder macht mich unruhig. Das sagt mir noch nicht, was in dir vorgeht. Aber vielleicht hält es mich davon ab, schon weiterzugehen. Mit dem Verstand kann ich deiner Erklärung folgen. Trotzdem lässt mich eine Bemerkung nicht los. Vielleicht war sie dir wichtiger, als ich zunächst gehört habe.
Und manchmal bin ich müde und habe für eine weitere Sichtweise gerade wenig übrig. Dann kann ich durchaus zuhören wollen und zugleich darauf warten, endlich selbst wieder zu Wort zu kommen.
Keine Gesprächstechnik kann mir die Bereitschaft abnehmen, noch etwas erfahren zu wollen. Eine gute Frage kann helfen. Ob mich die Antwort wirklich interessiert, ist damit noch nicht gesagt.

